RED-S: Die unterschätzte Gefahr von Energiemangel im Sport
- 12. Juli
- 4 Min. Lesezeit

Im Sport geht es oft um Höchstleistung, Fortschritt und auch um ein bestimmtes Körperbild. Gerade deshalb sind in vielen Disziplinen gewisse Ideale tief verankert. Während Ausdauersportler*innen häufig ein möglichst geringes Körpergewicht anstreben, um effizienter zu sein, liegt der Fokus in Kraft- oder Ästhetiksportarten eher auf einer Kombination aus niedrigem Körperfettanteil und hoher Muskelmasse.
Die Kehrseite davon zeigt sich jedoch nicht immer sofort. Zu wenig Energie bei gleichzeitig hoher Belastung kann zu einem Zustand führen, der als Relative Energy Deficiency in Sport, kurz RED-S, bezeichnet wird.
Wichtig ist dabei zu sagen, dass sich die aktuelle Studienlage vor allem auf Leistungssportler*innen konzentriert, insbesondere im Ausdauerbereich. Trotzdem bedeutet das nicht, dass Hobbysportler*innen nicht betroffen sein können. Auch im Freizeitsport kann es passieren, dass dem Körper über längere Zeit zu wenig Energie zur Verfügung steht – und genau das ist im Grunde die Ursache des beschriebenen Problems.
Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung meiner Praktikantin und Kollegin Iris Damaschin verfasst. Vielen Dank!
Was ist RED-S eigentlich?
Das Syndrom RED-S beschreibt eine beeinträchtigte physiologische Funktion, die durch einen relativen Energiemangel verursacht wird. Im Zentrum steht die Low Energy Availability (LEA) – also eine niedrige Energieverfügbarkeit.
Die Energieverfügbarkeit ist die Energie, die dem Körper nach Abzug des Energieverbrauchs durch das Training für alle lebenswichtigen Prozesse – wie Stoffwechsel, Zellaufbau, Immunfunktion oder Fortpflanzung – zur Verfügung steht. Vereinfacht gesagt ist es das, was übrig bleibt, damit der Körper nicht nur „funktioniert“, sondern gesund bleiben kann. Genau deshalb kann eine zu niedrige Energieverfügbarkeit grundsätzlich auf jedem sportlichen Niveau entstehen, wenn dem Körper langfristig nicht ausreichend Energie zugeführt wird.
Ein Energiemangel kann auf unterschiedliche Weise entstehen. Manche reduzieren bewusst ihre Kalorienzufuhr, etwa durch Diäten oder ein stark kontrolliertes Essverhalten. In anderen Fällen passiert es eher unbewusst, zum Beispiel wenn der Trainingsumfang steigt, der Bedarf aber unterschätzt wird oder das Hungergefühl nicht ganz zuverlässig eingeschätzt werden kann.
Was dabei oft unterschätzt wird: RED-S ist nicht immer auf den ersten Blick sichtbar. Gewicht und Körperzusammensetzung können lange unauffällig bleiben, während im Körper bereits Anpassungen stattfinden. Solche Entwicklungen bleiben nicht nur im Sport oft lange unbemerkt, sondern spiegeln auch gesellschaftliche Normen wider, in denen Leistungsdruck, Körperideale und bestimmte Regeln rund ums Essen schnell als normal gelten.
Wenn der Körper auf Sparflamme schaltet
Eine dauerhaft zu geringe Energiezufuhr betrifft nicht nur Frauen, auch Männer können betroffen sein. Der Körper beginnt in solchen Phasen Energie einzusparen, und das wirkt sich auf viele Organsysteme aus.
Gesundheitliche Auswirkungen
Der Körper spart bei chronischer Unterversorgung massiv Energie ein.
Endokrine Veränderungen => Hormonelle Dysregulationen sind oft frühe Warnzeichen. Bei Frauen kann es zu Zyklusstörungen bis hin zur Amenorrhoe (= Ausbleiben der Periode) kommen. Bei Männern können unter anderem die Testosteronwerte sinken. Das wirkt sich nicht nur auf Muskelaufbau, Regeneration und Leistungsfähigkeit aus, sondern kann auch die Fertilität und allgemein die hormonelle Gesundheit bei beiden Geschlechtern beeinträchtigen.
Verlangsamter Stoffwechsel => Der Körper senkt den Ruheumsatz, um Energie zu sparen. Dadurch kann das Gewicht trotz zu niedriger Energiezufuhr lange stabil bleiben.
Beeinträchtigte Knochengesundheit => Eine verminderte Knochendichte erhöht das Risiko für Verletzungen und Stressfrakturen.
Geschwächtes Immunsystem => Eine höhere Infektanfälligkeit ist kein Zufall, sondern oft ein Zeichen dafür, dass der Körper Ressourcen spart und Belastungen schlechter abfedern kann.
Belastung des Herz-Kreislauf-Systems => Ein verlangsamter Herzschlag und niedriger Blutdruck können auftreten und sind Zeichen dafür, dass der Körper Energie spart und Funktionen herunterfährt. Das kann sich in Schwindel, Müdigkeit und geringerer Belastbarkeit zeigen.
Hämatologische Veränderung => Auch Eisenmangel und Einschränkungen im Sauerstofftransport können eine Rolle spielen und die Belastbarkeit weiter senken.
Auswirkungen auf die Leistung
Gerade am Anfang kann ein Energiedefizit trügerisch positiv wirken. Ein leichter Gewichtsverlust oder ein „definierteres“ Gefühl können den Eindruck vermitteln, dass alles gut läuft.
Langfristig zeigt sich meist das Gegenteil:
Reduzierte Glykogenspeicher und ein beeinträchtigter Muskelaufbau schmälern die Trainingsanpassung
Die neuromuskuläre Funktion und die Fähigkeit des Körpers zur Erholung nehmen ab
Verletzungen und Erkrankungen häufen sich, wodurch Trainingseinheiten ausfallen und Fortschritte ins Stocken geraten.

Das Umfeld schneidet mit
Die Entstehung von RED-S passiert selten isoliert. Oft spielen mehrere Einflüsse zusammen.
Der Coach: Coaches haben häufig einen starken Fokus auf Leistung und Ergebnis. Wenn Gesundheit dabei hinter „Performance um jeden Preis“ zurücktritt, entsteht Druck, der problematisches Essverhalten verstärken kann.
Teammates: Gruppendynamik und Vergleiche innerhalb des Teams können ungesunde Ernährungspraktiken normalisieren.
Social Media und eigene Ideale: Idealbilder, Körpervergleiche und der Wunsch, einem bestimmten sportlichen oder ästhetischen Ideal zu entsprechen, können den Druck zusätzlich erhöhen.
Your way out
Da eine niedrige Energieverfügbarkeit im Alltag nicht immer leicht zu erkennen ist, braucht es oft einen genaueren Blick auf Ernährung und Training – im Idealfall auch im Rahmen einer diätologischen Begleitung.
Für Sportler*innen – egal ob im Leistungs- oder Hobbybereich – geht es darum, die Energie- und Nährstoffzufuhr an den eigenen Bedarf anzupassen. Training, Alltag und auch die jeweilige Saisonphase spielen dabei eine wichtige Rolle. Eine diätologische Betreuung kann hier unterstützen, individuelle Strategien zu entwickeln, die im Alltag auch wirklich umsetzbar sind.
Viele der körperlichen Anpassungen können sich wieder zurückbilden, wenn dem Körper ausreichend Energie zur Verfügung gestellt wird. Je nach Dauer und Ausprägung kann das allerdings Zeit brauchen.
Wenn zusätzlich ein problematisches Essverhalten oder eine Essstörung vorliegt, ist es wichtig, auch psychologische Unterstützung miteinzubeziehen.
Auch wenn RED-S im Leistungssport häufiger beschrieben wird und dort oft stärker ausgeprägt ist, sollte das Thema nicht nur dort Beachtung finden. Auch im Hobbysport kann es vorkommen, dass ein Energiedefizit entsteht oder unterschätzt wird. Ein bewusster Umgang mit Training und Ernährung kann helfen, früh gegenzusteuern und langfristig gesund und leistungsfähig zu bleiben.
Quellen:
Melin, A., Heikura, I. A., Tenforde, A., & Mountjoy, M. (2020). Relative energy deficiency in sport (RED-S): Health consequences in male and female athletes. European Journal of Applied Physiology, 120(12), 3017–3038. https:/ /doi.org/10.1007/s00421-020-04516-0
Mountjoy, M., Sundgot-Borgen, J. K., Burke, L. M., Ackerman, K. E., Blauwet, C., Constantini, N., Lebrun, C., Lundy, B., Melin, A. K., Meyer, N. L., Sherman, R. T., Tenforde, A. S., Klungland Torstveit, M., & Budgett, R. (2018). IOC consensus statement on relative energy deficiency in sport (RED-S): 2018 update. British Journal of Sports Medicine, 52(11), 687–697. https:/ /doi.org/10.1136/bjsports-2018-099193
Wasserfurth, P., Palmowski, J., Hahn, A. et al. Reasons for and Consequences of Low Energy Availability in Female and Male Athletes: Social Environment, Adaptations, and Prevention. Sports Med - Open 6, 44 (2020). https:/ /doi.org/10.1186/s40798-020-00275-6



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